Ein Schüler des Meisters
Kritik von Michael Loos, 23.10.2007
Quelle: www.Klassik.com
Ries, Ferdinand: Klavierkonzert cis-Moll op. 55
Label: Naxos
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Oft ist es der Ehrgeiz eines Schülers, den Lehrer zu überflügeln – die Musikgeschichte stellt am Ende (bisweilen zu Unrecht) stets den einen über den anderen (oder umgekehrt). Selten dürfte das Urteil dabei so eindeutig ausfallen wie bei Ferdinand Ries (1784 – 1838), der Kompositionsschüler Ludwig van Beethovens war. Kein Wunder, wenn Ries´ Schaffen lange Zeit allzu einseitig nur unter diesem Gesichtspunkt betrachtet wurde. In vielen Bereichen orientierte er sich tatsächlich an seinem übermächtig wirkenden Lehrer, so widmete er sich intensiv der Komposition von Klavierkonzerten, die er wie Beethoven in Doppelfunktion als Tondichter und Pianist präsentieren konnte. Andererseits wusste Ries der Gattung auch neue Aspekte abzugewinnen, die unverkennbar in Richtung Romantik weisen, hierin Johann Nepomuk Hummel vergleichbar. Dies wird am Konzert op. 55 deutlich, das Christopher Hinterhuber und das Symphonieorchester Gävle unter der Leitung von Uwe Grodd auf dieser CD vorstellen. Es handelt sich um Folge zwei einer Reihe mit allen Werken für Klavier und Orchester aus der Feder des Beethoven-Schülers. Neben dem Konzert erklingen die Stücke ‚Introduktion und Polonaise‘ op. 174 und die ‚Schwedischen Nationalweisen mit Variationen‘ op. 52 – letzteres Werk wird vom schwedischen Orchester gewiss mit viel Elan vorgetragen.
In diesem netten, leider auch etwas oberflächlichen Werk zeigt sich Ries zunächst deutlich von Beethoven inspiriert: Tuttischlägen des Orchesters folgt eine ausgedehnte Klavierkadenz, ganz wie im fünften Konzert des Lehrers. Im weiteren Verlauf vermeidet Ries dann aber das typische Beethoven-Pathos, und es gereicht Hinterhuber und Grodd zur Ehre, dass sie eine entsprechend entspannte Interpretation an den Tag legen. Keine Passage wird zu sehr mit Bedeutung aufgeladen, die Variationen werden gefällig vorgetragen. Eine hörenswerte Abwechslung zwischen Beethoven und Chopin, ohne freilich an deren Bedeutung heranzureichen – übrigens auch in der ‚Introduktion und Polonaise‘, wo technisch etwas mehr vom Pianisten gefordert wird. Hinterhuber verfügt in beiden Werken nicht nur über eine sichere melodische Balance, mit der er die eine oder andere Trivialität der Kompositionen geschickt kaschieren kann, sondern auch über kommunikative Fähigkeiten, um schöne Orchesterpassagen – etwa die Hörner in op. 174 – angemessen am Geschehen teilhaben zu lassen. Wer nicht gerade höchste Ansprüche stellt, wird an diesen beiden Stücke Gefallen finden.
Im Konzert op. 55 präsentiert sich Ries kühner und tiefgründiger, auch erfährt das Orchester hiereine Aufwertung: Gerade im Kopfsatz passiert viel jenseits der reinen Begleitung, die den Orchesterpart der anderen beiden Werke über weite Strecken prägte. Lediglich das finale Rondo ist Ries etwas zu ausführlich geraten. Hinterhuber brilliert auch hier mit den erwähnten Tugenden, sein Spiel bleibt selbst bei vollgriffigen Passagen stets klar und transparent. Grodd und das Orchester aus Gävle begleiten so versiert, dass am Erfolg der Interpretation keine Zweifel bestehen. Mit solchem Engagement vorgetragen, dürfte Ries´ op. 55 auch im Konzertsaal zünden – nicht gerade statt Beethoven aber zumindest gelegentlich neben ihm. Die beiden anderen Stücke sind zwar nett anzuhören, aber bisweilen doch etwas schematisch – der Virtuose Ries ging hier dem Komponisten Ries durch. Christopher Hinterhuber jedenfalls, so viel steht fest, präsentiert die drei Werke mit pianistischer Exzellenz, die keinen Vergleich zu scheuen braucht. Auch betreffs der Klangbalance zwischen Solo und Orchester bleiben bei dieser Einspielung keine Wünsche offen.